Teufelshauch · Menschen und Lebenswelten

Jüdisches Leben rund um die Grenadierstraße

Von galizischen Fuhrleuten, Berliner Betstuben und einem jungen Mann, der seinen eigenen Weg gehen will.

Neun Männer halten einen Kohlenwagen an. Ihnen fehlt der zehnte zum Gebet, und auf dem Kutschbock sitzt Mordechai Linsenberg. Für sie ist er Motje, einer von ihnen. Sie rufen ihn auf jiddisch herbei. Er antwortet auf deutsch.

Motti hat Hilda neben sich und wenig Lust, sich vor ihr von den Bekannten ausfragen zu lassen. In seiner Jackentasche steckt der Vorwärts, auf seinem Kopf die Ballonmütze eines Arbeiters. Er besitzt ein Gespann, arbeitet schwer und möchte es zu etwas bringen. Daß die Männer ihn zum Minjan brauchen, paßt gerade schlecht in seine Pläne.

In dieser Straße wird auf engem Raum um vieles gerungen: um den nächsten Auftrag, eine gute Partie, den richtigen Glauben und die Frage, was man aus dem Elternhaus mitnehmen will. Auch die Herkunft verbindet die Nachbarn nur zum Teil. Wer in Berlin Fuß fassen wollte, konnte sehr verschiedene Vorstellungen davon haben, wie das gelingen sollte.

Von Tarnów nach Berlin

Mottis Vater Zygmunt Linsenberg kommt aus Tarnów. Mit zwei Pferden und einem Karren zieht er nach Westen; sein Sohn wächst neben ihm auf dem Kutschbock heran. Für den Vater zählen ein ordentliches Geschäft, eine passende Ehe und die religiösen Regeln, mit denen er groß geworden ist. Berlin verlangt ihm schon genug Neues ab.

Tarnów lag damals im österreichischen Galizien. Die Stadt besaß eine bedeutende jüdische Gemeinde, Synagogen und Schulen, Druckereien und einen lebhaften Handel. Neben armen Handwerkern und Kleinhändlern lebten dort Kaufleute, Ärzte, Rechtsanwälte und Musiker. Wer Tarnów verließ, kam aus einer Gesellschaft mit eigenen sozialen Gegensätzen, religiösen Richtungen und Bildungswegen. Das Bild vom weltabgeschiedenen Schtetl erfaßt diese Stadt nur unzureichend. [1]

Historische Ansichtskarte der Lwowska-Straße in Tarnów mit mehrgeschossigen Häusern, Passanten und einem Pferdefuhrwerk.
Tarnów, ulica Lwowska, um 1900. Aus dieser galizischen Stadt stammt Mottis Vater. Die Ansichtskarte zeigt Straßenverkehr, Geschäfte und Passanten. Bildnachweis 1.

Die Grenadierstraße wurde für Zuwanderer aus dem östlichen Europa zu einer Berliner Anlaufstelle. Hier gab es Menschen, mit denen man sich verständigen konnte, vertraute Lebensmittel und Gelegenheiten zum gemeinsamen Gebet. Verwandte und Landsleute halfen bei der Suche nach Unterkunft und Arbeit. Manche blieben, andere zogen in ein anderes Viertel oder wanderten weiter. Horst Helas verfolgt in seiner Geschichte der Grenadierstraße gerade solche Familienwege durch das Kaiserreich und die Weimarer Republik. [2]

Für den jungen Motti ist diese Nachbarschaft längst alltäglich. Er kennt ihre Redensarten, ihre Erwartungen und die Menschen, die ihn seit seiner Kindheit beim Namen rufen. Die große Stadt beginnt für ihn deshalb mit einem sehr kleinen Abstand: dem zwischen dem Platz, den man ihm zugedacht hat, und dem Geschäft, das er selbst führen möchte.

Kohlenwagen, Heimarbeit und koschere Geschäfte

Bei Rozenblum verdient Motti sein Geld mit Kohlen. Seine Arbeitswelt besteht aus Pferden, Wagen, Ladungen und Kunden; abends übernimmt er Fuhren für die Konfektion. Auch Hildas Mutter vermittelt er Näharbeit. Später sitzt Hilda selbst über den Knopflöchern. Ein Mantel, der im Geschäft fertig zum Verkauf hängt, hat zuvor Hände beschäftigt, die der Käufer nie zu sehen bekommt.

Die Berliner Konfektion trennte Verkauf und Herstellung. Die Firmen lieferten Entwürfe, Schnittmuster und Material an sogenannte Zwischenmeister. Diese beschäftigten Näherinnen und Näher in Werkstätten oder vergaben die Arbeit nach Hause. Bezahlt wurde nach Stückzahl; die fertige Ware ging über die Zwischenmeister zurück an die Geschäfte. An dieser Kette verdienten große Unternehmen, kleine Gewerbetreibende und schlecht entlohnte Arbeitskräfte unter sehr verschiedenen Bedingungen. Unter ihnen waren zahlreiche jüdische Zuwanderer. [3]

In der Heimarbeit beanspruchten Stoffe und halbfertige Kleidung denselben knappen Raum wie Schlafen, Essen und Kinderbetreuung. Lange Arbeitstage hielten die Näherinnen in den Wohnungen fest. Hildas Einwand, sie müsse erst die Knopflöcher versäubern, ist entsprechend handfest: Der Auftrag wartet, auch wenn draußen Feiertag ist. Mottis Traum von einer eigenen Fuhrunternehmung setzt beim gleichen Problem an. Er will über Arbeit verfügen, Aufträge annehmen und den Verdienst nicht immer von anderen abhängig machen. [3]

Zilles Fotografie einer engen gepflasterten Berliner Straße. Vor einem Laden stehen Frauen; an der Fassade steht Holz und Kohlen.
Kohlenhandlung W. Sternberg in der Köllnischen Straße 13/14. Heinrich Zille fotografierte das kleine Geschäft und die Frauen davor in einer anderen Berliner Altstadtstraße. Aufnahme undatiert; aus seinem fotografischen Bestand von 1882–1906. Berlinische Galerie. Bildnachweis 2.

Ein Name, der in dieser Welt nach Aufstieg klingt, ist Garbáty. Josef Garbáty-Rosenthal stammte aus Lida im damaligen Russischen Reich und gründete 1881 in Berlin seine Zigarettenfirma. Zu ihren frühen Adressen gehörte die Linienstraße; 1906 zog die Produktion nach Pankow. Aus einem Einwanderer war ein erfolgreicher Fabrikant geworden. Wer bei Garbáty Zigaretten fertigte, verdiente seinen Lebensunterhalt. Wer auf den Namen des Unternehmers blickte, konnte darin auch eine Möglichkeit für sich selbst sehen. [4]

An vielen Läden der Grenadierstraße steht im Roman „Koscher“. Das Wort bezeichnet die Eignung nach den jüdischen Speisevorschriften. Bei Fleisch betrifft das unter anderem die erlaubten Tierarten, die Schlachtung und die weitere Behandlung; auch die Trennung von Fleischigem und Milchigem gehört zur Kaschrut. Eine koschere Fleischerei verkauft deshalb nicht einfach dieselbe Ware unter einem anderen Schild. Pferdefleisch scheidet aus. Miegels Roßschlachterei und eine koschere Fleischhandlung bedienen unterschiedliche Kundschaft, selbst wenn ihre Käufer in benachbarten Häusern wohnen. [5]

Wer seinen Haushalt nach den Speisegesetzen führte, brauchte entsprechende Geschäfte in erreichbarer Nähe. Wer hebräische Bücher kaufen wollte, mußte wissen, welcher Buchhändler sie führte. Solche Adressen gehörten zur praktischen Ausstattung eines Viertels.

Betstuben, der Rebbe und der gemeinsame Schabbat

Ein Schtibl ist wörtlich ein kleines Zimmer. Als Betstube konnte es in einem gewöhnlichen Wohnhaus liegen. Dort traf man sich zum Beten und Lernen, zum Essen und Reden. Gerade chassidische Gemeinschaften fanden in solchen Räumen zusammen. Das Wort Schul, das ebenfalls im Roman begegnet, bezeichnet im Jiddischen die Synagoge; Gebet und das Studium der religiösen Schriften gehörten eng zusammen. [6]

Für bestimmte Teile des gemeinschaftlichen Gottesdienstes braucht es nach orthodoxem Verständnis zehn religiös mündige jüdische Männer: den Minjan. Dazu zählt etwa das Kaddisch. Ein einzelner Mensch kann selbstverständlich beten; für diese Gebete genügt er jedoch nicht. Deshalb ist die Suche der neun Männer nach Motti so dringlich. Es fehlt ihnen kein besonderer Würdenträger. Es fehlt einer, der mitzählt. [7]

Der Rebbe wiederum besitzt seine Autorität durch die Bindung seiner Anhänger an ihn. Im osteuropäischen Chassidismus, der sich seit dem 18. Jahrhundert verbreitete, galt der Zadik, der Gerechte, als geistlicher Führer. Man erwartete von ihm religiöse Unterweisung, Rat in Lebensfragen und Fürbitte. Zum gemeinsamen religiösen Leben gehörten auch Mahlzeiten, Erzählungen und Gesang. Wenn es bei Jehuda Löw heißt „Un as der Rebbe singt“, und die Chassiden mitsingen, erklingt eine Form von Gemeinschaft, die über die Predigt hinausreicht. [8]

Am Schabbat verändert sich die Straße. In Teufelshauch bleiben Geschäfte geschlossen, ein alter Mann nimmt einen Knaben mit ins Schtibl, Männer diskutieren, Mädchen in sauberen Kleidern spazieren an den jungen Burschen vorbei. Die Ruhe beginnt bereits am Freitagabend und endet nach Einbruch der Dunkelheit am Sonnabend. Sie unterbricht den Werktag für Gebet, Mahlzeiten und Begegnungen. [9]

Die Jungen mit ihrer Zigarette halten sich allerdings nicht streng an die religiösen Vorschriften. Und Motti, der vom Beten nichts wissen will, besteht darauf: „Am Schabbes wird nicht malocht.“ Seine Bindung an den Ruhetag bleibt bestehen, während er sich gegen andere Ansprüche der Gemeinschaft wehrt.

Gemälde einer jüdischen Familie am Schabbat: Ein junger Mann liest, andere hören zu; eine ältere Frau liegt im Bett. Über dem Tisch hängt eine sternförmige Lampe.
Samuel Hirszenberg: Sabbatruhe, 1894. Mehrere Generationen verbringen den Schabbat gemeinsam in einem Zimmer. Das Gemälde des aus Łódź stammenden Malers schildert osteuropäisch-jüdisches Familienleben. Ben Uri Collection, London. Bildnachweis 3.

Wenige Straßen weiter steht die 1866 eingeweihte Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Ihr großer, reich ausgestatteter Innenraum zeigt ein anderes jüdisches Berlin. Hier kamen deutsche Gebete und eine Orgel zum Einsatz, deren Einführung heftig umstritten war. Wohlstand und bürgerliches Selbstbewußtsein hatten ebenso eine religiöse Form gefunden wie das gemeinsame Beten in der kleinen Stube. Zwischen beiden bestanden Unterschiede in Ritus, Auftreten und Erwartungen an die moderne Stadt. [10]

Historische Druckgrafik des hohen, reich verzierten Innenraums der Neuen Synagoge mit Säulen, Emporen und Besuchern.
Der Innenraum der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Abbildung aus Berlin und seine Bauten, 1896. Der monumentale Saal gehörte ebenso zum jüdischen Berlin wie die kleinen Betstuben in den Wohnhäusern. Bildnachweis 4.

Der „Vorwärts“ in der Jackentasche

Motti trägt die Zeitung bei sich, die seit 1891 in Berlin als Zentralorgan der Sozialdemokratie erscheint. Der Vorwärts verspricht eine politische Zugehörigkeit, die sich über die Lage der Arbeiter bestimmt. Mottis Wut auf die Monarchie, sein Stolz auf die Arbeitermütze und sein Wunsch, selbst Unternehmer zu werden, stehen dabei dicht nebeneinander. Für ihn sollen sich die Verhältnisse ändern — und seine eigenen möglichst bald. [11]

Schon lange vor Mottis Generation hatte die Haskala, die jüdische Aufklärung, neue Bildungswege gefordert. Zu ihren Zentren gehörte seit dem späten 18. Jahrhundert Berlin; Moses Mendelssohn wurde eine ihrer wichtigsten Gestalten. Weltliche Wissenschaften, Sprachkenntnisse und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sollten jüdischen Menschen offenstehen. Dabei ging es auch darum, wie religiöse Überlieferung und neues Wissen miteinander zu verbinden seien. Die Antworten reichten weit auseinander. Die Haskala läßt sich deshalb nicht auf eine Aufforderung reduzieren, den Glauben abzulegen. [12]

Eine konkrete Adresse für Bildung bot um 1900 die Jüdische Lesehalle. Seit 1897 befand sie sich in der Oranienburger Straße 28, zunächst im Seitenflügel, ab 1903 im Vorderhaus. Ihr Buchbestand wuchs so stark, daß sie erneut umziehen mußte. Hier ging man hin, um zu lesen und Bücher auszuleihen. [13]

Wie wenig ein Streit mit der Religion im Alltag erledigt sein muß, erfährt Hilda beim Kaffee. Sie sagt „Jehova“, Motti fährt ihr dazwischen: „Sag nicht seinen Namen!“ Dahinter steht die jüdische Ehrfurcht vor dem aus vier hebräischen Buchstaben bestehenden Gottesnamen. Beim Beten und Lesen tritt Adonai an seine Stelle, im alltäglichen Sprechen häufig Haschem, „der Name“. Motti verteidigt diese Gewohnheit auch dann, wenn er dem Rebbe am liebsten aus dem Weg ginge. [14]

Wen darf man lieben?

Ein Schadchen vermittelt Ehen. Er erkundigt sich nach Familien, bringt Vorschläge zusammen und hilft bei den Verhandlungen. In den traditionellen osteuropäischen Heiratsarrangements zählten dabei Herkunft, wirtschaftliche Aussichten, religiöse Bildung und die Mittel, die eine Familie beisteuern konnte. Eltern suchten eine Verbindung, die den Kindern einen Haushalt ermöglichen und den Zusammenhalt der Familien sichern sollte. Der Wunsch der jungen Leute nach eigener Wahl konnte mit diesen Erwartungen hart zusammenstoßen. [15]

Für Zygmunt gehören eine gute Partie und gute Geschäfte zusammen. Auch Rozenblum hat genaue Vorstellungen davon, welche Verbindung für Motti taugt. Hilda paßt nicht hinein. Sobald die Männer am Wagen von ihr erfahren, wird aus der Einladung zum Gebet eine Befragung. In ihren Bemerkungen geht es um die Herkunft der Braut, um Kinder und darum, wer die Verbindung gebilligt hat.

Von der anderen Seite kommt kein größerer Freiraum. Hildas Mutter hält an ihrer Vorstellung fest, aus einem vornehmen Haus zu stammen. Sie nimmt Mottis Hilfe an und schaut auf ihn herab. Sein Judentum, seine galizische Herkunft und seine Arbeit liefern ihr Gründe, ihn als unpassend zu betrachten. Für die beiden jungen Menschen werden religiöse und gesellschaftliche Grenzen zu sehr konkreten Einwänden gegen ihre Nähe.

Die Berliner Familiengeschichten jener Jahre zeigen zugleich, wie eng Migration, Beruf und Ehe zusammenhingen. Am 3. April 1900 heiratete die im Scheunenviertel aufgewachsene Rosalie Rücklowitz den Schneidermeister Elias Treister aus dem galizischen Stanislau. Seine Eltern lebten noch dort, Verwandte bereits in Berlin. Rosalie arbeitete später selbst als Schneiderin. Die Verbindung reichte über die Staatsgrenze hinweg, während sich der gemeinsame Lebensunterhalt in Berlin aufbauen ließ. [16]

Mameloschen: streiten, spotten, singen

„Farwoss redstu nischt Mameloschen?“ fragen die Männer Motti: Warum spricht er nicht die Muttersprache? Daß er auf deutsch antwortet, fällt ihnen sofort auf. Im Ärger rutscht ihm später doch ein „farschtejsstu“ heraus, das er mit „Verstehst du?“ wiederholt.

Jiddisch ist eine eigenständige Sprache mit germanischen, hebräisch-aramäischen und slawischen Bestandteilen. Über Jahrhunderte entwickelten sich ein eigener Wortschatz, eine eigene Grammatik und unterschiedliche regionale Formen. Geschrieben wird es mit hebräischen Buchstaben. Die Schrift allein sagt daher noch nicht, ob ein Ladenschild einen hebräischen oder einen jiddischen Text trägt. Im religiösen Leben besaßen Hebräisch und Aramäisch besonderes Gewicht; auf der Straße, zu Hause und im Geschäft sprach man vielfach jiddisch. Daneben wuchs eine moderne jiddische Literatur und Presse. [17]

Im Roman wird in dieser Sprache geschimpft und geliebkost, gespottet und gesungen. „Fun sogn wet men nischt trogn“ heißt es am Wagen: Vom Reden wird man nicht schwanger. Die Bemerkung ist derb und taktlos; sie gehört zum Ton der Männer, die Motti ausfragen. Mameloschen umfaßt auch solche Zudringlichkeit. Wer sie spricht, kann damit Nähe herstellen oder jemanden vor den anderen bloßstellen.

Anders klingt das Lied von dem weißen Zicklein unter der Wiege. Es zieht fort, um mit Rosinen und Mandeln zu handeln, während das Kind schlafen soll. Das Motiv gehört zur jiddischen Wiegenliedüberlieferung; Abraham Goldfaden machte eine verwandte Fassung mit seiner Operette Shulamis von 1880 weithin bekannt. Es existieren verschiedene Texte und Melodien, die nicht sämtlich auf dieses Bühnenlied zurückgehen. [18]

Buchseite von 1901 mit dem Wiegenlied Unter Ssoreles Wiegele in zwei Spalten: jiddische Schrift und lateinische Umschrift. Der Text nennt das weiße Zicklein sowie Rosinen und Mandeln.
Das weiße Zicklein unter der Wiege: eine Liedfassung aus der Sammlung von Ginsburg und Marek, St. Petersburg 1901, S. 63, Nr. 67. Links steht der jiddische Text in hebräischen Buchstaben, rechts in lateinischer Umschrift. Ausschnitt; die vollständige Seite öffnet sich beim Anklicken. Bildnachweis 5.

Motti singt die Verse, die sein Vater ihm vorgesungen hat. Das Kind hört dabei schon vom künftigen Beruf. Handel und Wanderschaft finden ihren Platz sogar im Schlaflied — in einer sanften, verheißungsvollen Welt aus Rosinen und Mandeln.

In Berlin leben — und dazugehören

Seit der Reichsgründung 1871 galt die rechtliche Gleichstellung der Juden im gesamten Deutschen Reich. Sie beseitigte weder den Antisemitismus noch die Hindernisse beim gesellschaftlichen Aufstieg. Für Einwanderer kam die Frage der Staatsangehörigkeit hinzu: Ein Leben in Berlin machte sie nicht automatisch zu deutschen Bürgern. Rosalies Vater blieb trotz mehr als fünfzig Jahren in der Stadt ohne deutschen Paß; auch Rosalie besaß nur einen Fremdenpaß. [19] [16]

Motti möchte an seiner Arbeit und seinem Erfolg gemessen werden. Zugleich begegnen ihm Erwartungen, denen er sich nicht einfach entziehen kann: die des Vaters, des Arbeitgebers, des Rebbe, der Nachbarn und der Menschen, die ihn ungefragt zum Fremden erklären. Deutsch sprechen, eine Zeitung lesen oder ein eigenes Geschäft führen beantwortet die Frage nach der Zugehörigkeit jeweils nur zum Teil.

Im August 1914 erhält diese Frage eine neue Dringlichkeit. Vor dem Reichstag erklärt Wilhelm II.: „Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche.“ Auch viele jüdische Deutsche hoffen, patriotischer Einsatz werde Vorurteile endlich entkräften und ihre Zugehörigkeit außer Frage stellen. Am 4. August stimmt die Sozialdemokratie den Kriegskrediten zu. Die versprochene Einigkeit des Landes steht nun unter dem Zeichen der Mobilmachung. [20]

Für einen jungen Mann, der Anerkennung sucht, muß dieses Versprechen verlockend klingen. Ob ihm die Stadt, für die er arbeitet, auch einen selbstverständlichen Platz einräumt, bleibt damit noch unbeantwortet.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Tarnowskie Centrum Informacji: Jewish Heritage, zur jüdischen Geschichte Tarnóws. Krzysztof Moskal: Kronika Tarnowa, insbesondere die Einträge zur Stadt um 1900.
  2. Horst Helas: Die Grenadierstraße im Berliner Scheunenviertel. Ein Ghetto mit offenen Toren. Hentrich & Hentrich, 2010, Jüdische Miniaturen 98. Verlagsbeschreibung.
  3. Justine Wiedemann, Centrum Judaicum: Handel und Kleiderherstellung für die Konfektionsindustrie, 28. Mai 2024; Clara Zetkin: Gegen das Elend in der Konfektionsindustrie, in: Die Gleichheit, 23. Oktober 1901.
  4. Gedenktafeln in Berlin: Josef Garbáty-Rosenthal; visitBerlin: Zigarettenfabrik Garbáty.
  5. Jüdisches Museum Berlin: Kaschrut — jüdische Speisevorschriften; Michal Friedlander: Beitrag zu Koscher & Co., 2009.
  6. YIVO Institute for Jewish Research: Hasidic Warsaw: Reb Zalmen and the Aleksander Shtibl, zur Funktion des Schtibl im frühen 20. Jahrhundert; Marion Aptroot und Roland Gruschka: Jiddisch, siehe Nr. 17.
  7. Zentralrat der Juden in Deutschland: Gebet und Gottesdienst — die jüdische Form des Betens.
  8. YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe: Hasidism: Historical Overview und Teachings and Literature.
  9. Bayerische Informationsstelle gegen Antisemitismus: Shabbat; Chabad: Die Schabbat-Ruhe.
  10. Neue Synagoge Berlin — Centrum Judaicum: Mittenmang & Tolerant. 150 Jahre Neue Synagoge, Ausstellungstext 2016/17, veröffentlicht auf museum.de.
  11. Vorwärts: 150. Geburtstag: Wie der „Vorwärts“ zum Massenblatt wurde, 2026.
  12. Jüdisches Museum Berlin: Haskala — die jüdische Aufklärung.
  13. Staatsbibliothek zu Berlin: Provenienzliste zum Projekt „Transparenz schaffen“, S. 54, Eintrag „Jüdische Lesehalle und Bibliothek (Berlin)“.
  14. Jüdische Allgemeine: Gott oder G’tt, zur Behandlung des Gottesnamens und zu seinen Ersatzlesungen.
  15. YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe: Marriage, zu Heiratsvermittlung und Familienbeziehungen.
  16. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Stolpersteine Wilhelmsaue 5, Biographie von Rosalie Treister, geborene Rücklowitz.
  17. Marion Aptroot und Roland Gruschka: Jiddisch. Geschichte und Kultur einer Weltsprache. C. H. Beck, 2010; Leseprobe der durchgesehenen Auflage von 2023, insbesondere S. 11–13.
  18. Neil W. Levin: Begleittext zu David Schiffs Gimpel the Fool, YIVO Institute for Jewish Research, S. 5–6, zur jiddischen Wiegenliedüberlieferung und zu Goldfadens Shulamis; Saul M. Ginsburg und P. S. Marek (Hg.): Evreĭskii︠a︡ narodnyi︠a︡ pi︠e︡sni v Rossii [Jüdische Volkslieder in Rußland], St. Petersburg 1901, S. 63, Nr. 66–67.
  19. Deutsches Historisches Museum, LeMO: Jüdische Emanzipation und Antisemitismus.
  20. Deutsches Historisches Museum, LeMO: Der Burgfrieden; Bundeszentrale für politische Bildung: Exklusion und Gewalt, zum Ersten Weltkrieg und zu jüdischen Hoffnungen auf Anerkennung.

Weitere Lektüre: Bill Rebiger, Jüdisches Berlin. Photos aus Kaiserreich und Weimarer Republik / Jewish Life in Berlin (2008); Otto F. Best, Mameloschen. Jiddisch — eine Sprache und ihre Literatur (1973); Salcia Landmann, Jüdische Anekdoten und Sprichwörter. Jiddisch und deutsch (1965); Immanuel Olsvanger, Rosinkess mit Mandlen. Aus der Volksliteratur der Ostjuden (2. Auflage, 1931).

Bildnachweise

1. Tarnów, ulica Lwowska. Fotograf und Postkartenverlag nicht angegeben; um 1900 (Datierung des Bilddatensatzes: 1900). Historische Ansichtskarte; digitales Exemplar über Wikimedia Commons. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfrei; auf Wikimedia Commons als Public Domain ausgewiesen. Public Domain. Bilddatei unverändert; verkleinert dargestellt.

2. Köllnische Straße 13 und 14, Kohlenhandlung W. Sternberg u. a.. Heinrich Zille (1858–1929); Aufnahme undatiert; aus Zilles fotografischem Bestand der Jahre 1882–1906. Berlinische Galerie, Heinrich-Zille-Konvolut; frühere Online-Objektnummer 17654; Digitalisierung im Rahmen des Zille-Projekts 2016. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfrei. Der Projektbericht der Berlinischen Galerie erklärt Zilles Fotografien ausdrücklich für gemeinfrei und hält fest, daß für die Neuabzüge keine weiteren Rechte geltend gemacht werden. Rechtevermerk der Sammlung, S. 5. Public Domain. Die Bilddatei ist unverändert. Die Lesefassung zeigt den fotografischen Bildbereich ohne Montierung und Farbtafel; der vollständige Scan öffnet sich beim Anklicken.

3. Sabbath Rest (Sabbatruhe). Samuel Hirszenberg (1865–1908); 1894. Ben Uri Collection, London, Inventarnummer 1987-148; Öl auf Leinwand, 149,5 × 206,5 cm; erworben 1923 mit Unterstützung von Moshe Oved. Bildquelle und Katalogangaben. Sammlungs- beziehungsweise Standortnachweis. Gemeinfrei. Wikimedia Commons weist die originalgetreue Reproduktion des gemeinfreien Gemäldes als Public Domain (PD-Art / PD-old-100-expired) aus. Digitale Vorlage: Google Arts & Culture. Public Domain. Bilddatei unverändert; verkleinert dargestellt.

4. Neue Synagoge Berlin, Innenansicht. Zeichner beziehungsweise Stecher im Bilddatensatz nicht benannt; veröffentlicht 1896. Abbildung aus Berlin und seine Bauten, Verlag Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1896; digitales Exemplar über Wikimedia Commons. Bildquelle und Katalogangaben. Gemeinfrei; auf Wikimedia Commons als Public Domain ausgewiesen. Public Domain. Bilddatei unverändert; verkleinert dargestellt.

5. Wiegenlied Nr. 67: Unter (Ssoreles) Wiegele. Traditionelles jiddisches Wiegenlied; gesammelt und herausgegeben von Saul M. Ginsburg (1866–1940) und P. S. (Peysekh) Marek (1862–1920); 1901. Evreĭskii︠a︡ narodnyi︠a︡ pi︠e︡sni v Rossii [Jüdische Volkslieder in Rußland], Redaktion Voskhod, St. Petersburg 1901, S. 63, Nr. 67. Digitalisierung: Google Books; Digitalisat: Internet Archive, Kennung evreskiianarodn00maregoog. Bildquelle und Katalogangaben. Sammlungs- beziehungsweise Standortnachweis. Gemeinfrei. Das Internet Archive kennzeichnet die Ausgabe als NOT_IN_COPYRIGHT; beide Herausgeber sind seit mehr als 70 Jahren verstorben. Abgebildet ist der historische Druck von 1901. Public Domain. Die vollständige Buchseite wurde aus dem Original-PDF als PNG wiedergegeben. Die Lesefassung zeigt einen Ausschnitt mit Lied Nr. 67; beim Anklicken öffnet sich die vollständige Seite. Keine Retusche.

Digitale Quellen und Bildangaben geprüft am 1. November 2026.