Schauplätze · Charlottenburg
Charlottenburg um 1900
Vom Markt am Friedrich-Karl-Platz zum Mausoleum: Wohlstand, Armenfürsorge und Alltagsleben in Hildas Charlottenburg.
„Den Korb trug die Köchin.“
Teufelshauch, Kapitel 9: Die Mutter
Steinpilze, Spargel und Gänsebrüste sucht Luise Zille auf dem Friedrich-Karl-Platz aus. Das Tragen überlässt sie ihrer Köchin. Zu Hause warten Seidentapeten, Porzellanfiguren und ein Badezimmer mit Säulen und Portieren. Für das Hausmädchen reicht ein Verschlag über der Küche. In wenigen Straßen und Räumen versammelt Teufelshauch die Lebensverhältnisse einer Stadt, deren Wohlstand sehr ungleich verteilt war.
Eine reiche Stadt vor den Toren Berlins
Charlottenburg hatte um 1900 einen eigenen Magistrat und einen eigenen Haushalt. Von knapp 20.000 Einwohnern im Jahr 1871 war die Stadt bis 1893 auf mehr als 100.000 Menschen angewachsen. Mietshäuser ersetzten die ländliche Bebauung; wohlhabende Berliner zogen nach Westen. Charlottenburg entwickelte sich zu einer der reichsten Städte Preußens. Erst 1920 wurde es Teil von Groß-Berlin. [1]
Der neue Reichtum finanzierte auch Schulen und öffentliche Einrichtungen. Unter Bürgermeister Hans Fritsche, der von 1877 bis 1898 amtierte, verwendete die Stadt rund dreißig Prozent ihres Haushalts für das Schul- und Bildungswesen. Hinter der vornehmen Adresse stand eine rasch wachsende Stadt mit Arbeitern, Gewerbetreibenden, Angestellten und Dienstboten. [1]
Auf dem Friedrich-Karl-Platz
Der Markt, auf dem Hildas Mutter einkauft, lag auf dem heutigen Klausenerplatz. Heinrich Zille fotografierte ihn im Sommer 1898. Kundinnen stehen zwischen den Buden, eine Frau mit Schürze und Korb geht dicht an der Kamera vorbei, rechts gerät ein Kind unscharf ins Bild. Über den Köpfen spannen sich die Schirme; dahinter stehen die Mietshäuser. In Zilles Nachlass sind sechsundzwanzig Aufnahmen dieses Marktes erhalten. [2]

Markttag auf dem Friedrich-Karl-Platz, dem heutigen Klausenerplatz. Heinrich Zille, Sommer 1898.
Foto: Heinrich Zille (1858–1929). Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung; Schenkung der Berliner Bank AG 1986. Digitalisat der Berlinischen Galerie über Wikimedia Commons. Gemeinfrei (Public Domain).
Bildquelle und Rechteangabe · Public Domain Mark · Sammlungsnachweis · Rechteklärung des Zille-Bestands · Vollständiges Digitalisat
Seidentapeten und Hängeboden
In der Sophie-Charlotten-Straße steht der vergoldete Blumentisch der Familie Zille vor einer Wand mit Seidentapete. Pfauenfedern, bronzierte Gräser und lackierte Palmwedel schmücken die Wohnung; in den Nischen sitzen Sphingen, Greife und Putten. Selbst das Badezimmer ist so reich ausgestattet, dass die Wanne zwischen Säulen und Vorhängen verschwindet. Anfassen darf Hilda nichts.

Blick aus Heinrich Zilles Wohnung in der Sophie-Charlotten-Straße 88, um 1900.
Foto: Heinrich Zille (1858–1929). Privatsammlung; Scan nach Janos Frecot und Helmut Geisert: Berlin in frühen Photographien 1857–1913, München: Schirmer/Mosel, 1984. Digitalisat über Wikimedia Commons. Gemeinfrei (Public Domain).
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In Berliner Bürgerhaushalten wohnte das Personal häufig bei den Arbeitgebern. Die Mädchenkammer lag bei Küche, Speisekammer oder Bad; für Lieferungen und Dienstboten gab es in größeren Wohnungen einen Nebeneingang mit eigener Treppe. Die Trennung zwischen den Bewohnern setzte sich im Grundriss fort. [3]
Noch enger war der Hängeboden. Man zog über einem Nebenraum eine Zwischendecke ein und gewann einen Schlafplatz, den das Mädchen über eine Leiter erreichte. Oft war der Verschlag kaum anderthalb Meter hoch. Für ein Bett und den Reisekorb reichte es, zum aufrechten Stehen meist nicht; Tageslicht fehlte häufig. Über der Küche kam im Sommer die Hitze des Herdes hinzu. [3]
In Teufelshauch klettert auch Hilda auf diesen Hängeboden, wenn sie vor ihrer Mutter Zuflucht sucht. Das Hausmädchen muss dort jede Nacht schlafen.
Das Familienhaus
Wer seine Wohnung verlor, konnte in Charlottenburg eine städtische Unterkunft aufsuchen. Auch sie lag in der Sophie-Charlotten-Straße: Auf dem Grundstück der heutigen Nummern 113 und 113a gab es seit 1872 Notunterkünfte und Baracken für arme und obdachlose Menschen. 1884–1885 kam ein zweigeschossiges Gebäude nach Plänen des Stadtbaurats Paul Bratring hinzu. [4]
Als die Anlage 1908–1910 erweitert wurde, erhielt sie ein Aufnahmehaus mit getrennten Bereichen für Männer und Frauen, Räumen zur Reinigung und Desinfektion sowie Speise- und Schlafsälen. Im rückwärtigen Familienhaus entstanden auf jeder Etage zehn kleine Wohnungen für alleinstehende Frauen und ihre Kinder. [4]

Bewohner vor dem Charlottenburger Familienhaus. Jens Birkholm: I forårssolen uden for familiehuset. Charlottenburg, 1910.
Jens Birkholm (1869–1915). Kunstmuseum Brandts, Odense, ehemals Fyns Kunstmuseum. Digitale Vorlage: Johannes Larsen Museet / Kunstindeks Danmark, über Wikimedia Commons. Gemeinfrei (Public Domain).
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Hilda kennt diese Zuflucht. Ihre Mutter kennt vor allem die Ausgaben, die sie verursacht. Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung fordert die Kommerzienrätin, die Armenpflege zu kürzen; die Bedürftigen sollen den „Kampf ums Dasein“ wieder aufnehmen. Als Hilda selbst Hilfe brauchen könnte, steht ihr dieser Satz noch im Gedächtnis.
Durch den Schlosspark
Für Besucher gehörte der Schlossgarten seit Langem zum Charlottenburger Ausflug. Der Grieben-Reiseführer von 1882 beschreibt drei Wege: zum Karpfenteich und seinen Inseln, am Spreeufer entlang und durch die dunkle Tannenallee zum Mausoleum. Ein Schlossdiener ließ die Gäste in die Grabstätte; der Führer veranschlagte dafür fünfzig Pfennige Trinkgeld. [5]
Hilda kennt den Park vom Spielen. Später führt ihr Weg am Karpfenteich vorbei zum Spreeufer, weiter über das Charlottenburger Ufer und die Charlottenburger Brücke auf die Chaussee nach Berlin. Diese Verbindung durchquerte den Tiergarten von Westen nach Osten. Schon der Reiseführer von 1882 verzeichnet besondere Reit- und Fußwege und eine abendliche Beleuchtung. [5]

Das Mausoleum im Schlosspark Charlottenburg. Historische kolorierte Außenansicht, 1895.
Urheber unbekannt. Vorlage: Chroniknet, historische Bildnummer 3981; Digitalisat über Wikimedia Commons. Dort ausgewiesen als gemeinfrei, PD-Art (PD-old).
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Die schlafende Königin
Das Mausoleum entstand 1810 nach dem Tod Königin Luises. Friedrich Wilhelm III. bestimmte den Platz am Ende der Tannenallee; Heinrich Gentz führte den tempelartigen Bau unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels aus. Christian Daniel Rauch schuf das Grabmonument der Königin zwischen 1811 und 1814 aus Carrara-Marmor. Im Mai 1815 kam es nach Charlottenburg. [6]
Luise liegt mit leicht geneigtem Kopf und gefalteten Händen da, als schliefe sie. Der Marmor zeigt die Falten des dünnen Gewandes und die weichen Züge des Gesichts. Die sterblichen Überreste ruhen in der Gruft unter der Gedenkhalle. Oben blieb ein Bild der Königin zurück, das den Schrecken des Todes mildern sollte. [6]
Um Luise hatte sich eine Verehrung gebildet, die weit über die königliche Familie hinausreichte. Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon galt sie als Verkörperung von Standhaftigkeit und moralischer Würde. Im Mausoleum verband sich die Trauer um eine jung gestorbene Frau mit dem politischen Gedächtnis Preußens. [6]

Die Grabmonumente Königin Luises und Friedrich Wilhelms III. Historische kolorierte Innenansicht des Charlottenburger Mausoleums, 1895.
Urheber unbekannt. Vorlage: Chroniknet, historische Bildnummer 3982; Digitalisat über Wikimedia Commons. Dort ausgewiesen als gemeinfrei, PD-Art (PD-old).
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Zum Eindruck des Raumes gehörte das blaue Licht. Griebens Reiseführer rühmte bereits 1882 die „gedämpfte bläuliche Beleuchtung“. Der flämische Schriftsteller Gustaaf Segers schilderte in einem 1898 verfassten Bericht, wie blaues Licht von oben auf den Boden fiel. Die Dämmerung war so stark, dass er nur einige der Bibelsprüche an den Wänden abschreiben konnte. [5] [7]
Segers sah Grenadiere vor Luises Bild stehen und Ulanen die Inschrift auf dem Grabmonument Wilhelms I. lesen. Im Vorraum wachte ein Mann mit einer Erinnerungsmedaille an Sedan. Sprechen war verboten; die Besucher gingen schweigend zwischen den Marmorgestalten umher. Die Toten gehörten hier zum öffentlichen Leben des Kaiserreichs. [7]
In dieses blaue Licht blickt auch Hilda. Auf dem Grab liegt eine Königin, die denselben Vornamen trägt wie ihre Mutter: Luise. Hilda hebt die Hand und winkt.
Quellen und Bildnachweise
- Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Charlottenburg, besonders die Abschnitte „Großstadt in der Bismarckzeit“ und „Eingemeindung trotz Protest“.
- Berlinische Galerie: Heinrich Zille. Ohne Titel (Markt auf dem Friedrich-Karl-Platz), Sommer 1898; Sammlungsbeschreibung.
- Jens Sethmann: Berliner Dienstmädchen um 1900 – Auguste auf dem Hängeboden. MieterMagazin, 29. Januar 2016.
- Landesdenkmalamt Berlin: Obdachlosenasyl (ehem.), Sophie-Charlotten-Straße 113/113a, Objektdokumentnummer 09040608.
- Ernst Friedel (Bearb.): Berlin, Potsdam und Umgebungen. Praktischer Wegweiser. 28. Auflage. Berlin: Albert Goldschmidt, 1882 (Griebens Reise-Bibliothek), S. 134–135. Digitalisat im Internet Archive.
- Rudolf G. Scharmann: Königin Luises Tempel für die Ewigkeit: Das Mausoleum im Schlosspark Charlottenburg. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, 19. Juli 2017.
- Gustaaf Segers: Het mausoleum te Charlottenburg. Tijdschrift van het Willems-Fonds, Jahrgang 5 (1900), S. 355–361. Bericht datiert Antwerpen, 7. November 1898. Digitalisat / Volltext bei DBNL.
Die vollständigen Bildnachweise stehen unmittelbar unter den Abbildungen. Alle fünf Bilder sind gemeinfrei. Die Dateien wurden unverändert übernommen. Abruf der Onlinequellen und Bildnachweise: 1. November 2026.