Schauplätze · Hasenhaide
Der Rummel in der Hasenhaide
Schausteller, Wachsfiguren und mechanische Wunder: die Vergnügungswelt des alten Berlin.
„Es roch nach heiler Welt.“
Teufelshauch, Kapitel 41: Die Neue Welt
Gebrannte Mandeln, Bratwürste und Sauerbier, dazwischen der Kameldung einer Sudanesenkarawane: So empfängt die Neue Welt ihre Besucher in Teufelshauch. Über dem Platz schallt Marschmusik. Ein Clown trägt eine Kriegsdenkmünze, ein Wachsfigurenkabinett versammelt die deutschen Kaiser, ein Automat verkauft Auskunft über den künftigen Ehemann. Auf dem Rummel um 1900 ließ sich für ein paar Groschen vieles besichtigen, was im eigenen Alltag unerreichbar blieb: ferne Länder, berühmte Menschen, technische Wunder und sogar die Zukunft.
Der Sonntag in der Neuen Welt
Die Neue Welt lag an der Straße Hasenheide im Süden Berlins. 1880 eröffnete Rudolf Sternecker hier einen Vergnügungspark, nachdem er einen bestehenden Biergarten ausgebaut hatte. Zum Gelände gehörten Karussells und Schießbuden, eine Reitbahn, eine Freiluftmanege sowie Varieté- und Orchesterbühnen. Vor einem „indischen Pavillon“ lag ein Teich mit Kaskaden und Fontänen. [1]
Für Arbeiter und kleinbürgerliche Familien war der Ausflug eine Gelegenheit, den engen Wohnungen zu entkommen. Unter den Bäumen saß man bei Bier und Kaffee. Sparsame Besucher brachten ihren Kaffee selbst mit; Geschirr und heißes Wasser bekamen sie vor Ort. Die Neue Welt bot Platz für einen ganzen Sonntag, vom Kaffeetisch bis zum Abendprogramm. [1]
Hartwig & Vogel, Berlin (Angabe der Bildquelle). Zeno.org / Zenodot Verlagsgesellschaft, über Wikimedia Commons. Gemeinfrei.
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Wollenschläger und die Leute vor den Buden
„Wollenschlägers apokalyptische Reiter“ nennt der Roman die vier Holzpferde eines Karussells. Wollenschläger gehört zu den alten Namen des Berliner Schaustellergewerbes. Die Familie, die ihren Namen auch Wollenschlaeger schreibt, hat das Jahrmarktsgeschäft über mindestens fünf Generationen weitergegeben. Die Ururgroßeltern des Schaustellers Thilo-Harry Wollenschlaeger zogen mit einer Reisebäckerei von Markt zu Markt. Sein Urgroßvater und sein Großvater betrieben unter anderem eine große Holzachterbahn und ein Kettenkarussell in Treptow. Backwaren, Verlosungen und Fahrgeschäfte gehörten zur Geschichte desselben Familienunternehmens. [3]
Vor den Schaubuden begann die Vorstellung bereits, bevor jemand eine Eintrittskarte gekauft hatte. Der Rekommandeur rief die Vorübergehenden zusammen, pries die Attraktion an und hielt die Neugier wach. Seine Aufgabe war es, aus einer Menschentraube zahlende Kundschaft zu machen. Dieses Gewerbe hatte um 1900 längst eine Berufsorganisation: 1898 entstand die Berliner Sektion des Internationalen Vereins reisender Schausteller und Berufsgenossen. [4]
Die Artistin Thusnelda, die Heinrich Zille als Junge kannte, begann mit fünfzehn Jahren an der Kasse eines anatomischen Kabinetts. Später stand sie im Trikot vor einer Athletenbude in der Hasenheide, spielte komische Rollen auf einer Sommerbühne und blies Trompete. In einer Damenkapelle führte sie einen eingeseiften Geigenbogen über die Saiten: Sie sollte wie eine Musikerin aussehen, ohne einen Ton hervorzubringen. Bei Castan trat sie als „Dame ohne Unterleib“ auf, bei einem Akrobaten als „Untermann“. Schließlich ließ sie ihre Stimme ausbilden und wurde Sängerin. [6]
Foto: Heinrich Zille. Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung, Objekt-ID 17369. Digitalisat über das ChronoResearchLab von Matthias Müller-Prove. Gemeinfrei. Datierung nach der Dokumentation zur Ausstellung „Kinder der Straße“ (Akademie der Künste, 2008).
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Maschinen zum Staunen
Technischer Fortschritt ließ sich auf dem Vergnügungsplatz am eigenen Körper erleben. Über den Teich der Neuen Welt führte schon 1892 eine Drahtseilbahn. In Wagen für jeweils zehn Personen schwebten die Gäste zwischen zwei Türmen über das Wasser; die Spannweite betrug fast 120 Meter. Ein Gasmotor bewegte das Zugseil, ein Wagen fuhr hinüber, während der andere zurückkam. An der Station brachte ein Maschinist die Wagen mit seiner Bremse zum Stehen. Was zuvor vor allem dem Transport von Erzen und anderen Lasten gedient hatte, wurde hier zur Lustfahrt. [2]
Willy Stöwer: „Die Drahtseilbahn in der »Neuen Welt« zu Berlin“, Originalzeichnung, veröffentlicht in Die Gartenlaube, 1892, S. 608. Scan aus dem Originalwerk, über Wikimedia Commons. Gemeinfrei. Die Zuschreibung steht bei der Abbildung im Zeitschriftenjahrgang.
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In den Automatenkabinetten verkleinerte sich die Welt zu einem mechanischen Theater. Wilhelm Prinzlau zeigte 1880 auf dem Hamburger Dom mehr als zweihundert kleine Automaten. Artisten und Gaukler bewegten sich vor den Zuschauern, ein Totentanz wurde aufgeführt, ein Trompeterautomat blies militärische Signale. Hinzu kamen eine Nachbildung der Straßburger Uhr und weitere kunstvolle Uhrwerke. Viele der Arbeiten hatte Prinzlau selbst hergestellt. Erwachsene zahlten zwanzig Pfennige Eintritt, Kinder zehn. [5]
Die Ankündigungen gehörten zur Attraktion. Auf dem Osterjahrmarkt in der Hasenheide warb 1885 ein Automatenkabinett mit einer sprechenden Maschine und einer Uhr, die fünfundzwanzig Jahre ohne Aufziehen laufen sollte. In Teufelshauch lockt das Prinzlau’sche Automaten-Cabinet mit einer dreizehn Jahre laufenden Wanduhr und einem sprechenden Automatenmenschen. [8]
Kaiser aus Wachs, Schrecken hinter Glas
Das Bayer’sche Wachsfiguren-Cabinet des Romans wirbt mit sämtlichen deutschen Kaisern „in meisterhafter Ausführung“. Ein solches Panoptikum brachte berühmte Gestalten in körperliche Nähe. Wer sonst nur ein Porträt kannte, konnte nun vor einer lebensgroßen Figur stehen. Die sorgfältig gestalteten Gesichter und die Kleidung machten den Reiz dieser stummen Gesellschaft aus.
Das Angebot reichte weit über Herrscherbildnisse hinaus. In Eppmanns Panoptikum auf dem Hamburger Dom standen 1880 Wachsfiguren von Dichtern, Künstlern und Gelehrten neben einer Sammlung von Totenmasken. Eine weitere Abteilung zeigte die Inquisition mit ihren Folterwerkzeugen; zum selben Unternehmen gehörten ein Panorama, ein Lachkabinett und lebende Tiere. Bildung, Schaulust und Grauen ließen sich mit derselben Eintrittskarte bedienen. [5]
Die ausgestellte Fremde
Auch die „Sudanesenkarawane“, deren Geruch sich im Roman unter die Düfte des Rummels mischt, gehört zur Geschichte solcher Vergnügungsplätze. In der Hasenheide wurden unter dieser Bezeichnung Menschen mit Kamelen und vorgeführten Kampftänzen zur Schau gestellt. Die Karawane war eine inszenierte Attraktion für zahlende Zuschauer. [8]
Solche „Völkerschauen“ machten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Zoos, auf Volksfesten und in Parkanlagen Station. Die Menschen sollten vorführen, was das Publikum für die typische Lebensweise ihrer Herkunftsländer hielt. Welche Tätigkeiten, Tänze und Bräuche als „typisch“ galten, bestimmten wesentlich die Veranstalter und die Erwartungen der Zuschauer. Die Schauen verkauften die Begegnung mit fremden Kulturen und bestätigten dabei die Bilder, die das europäische Publikum bereits von ihnen hatte. Menschen wurden zu Sehenswürdigkeiten gemacht. [9]
Die Zukunft kostet zwanzig Pfennige
Zwischen all den Wundern bot der Rummel auch Antworten auf sehr persönliche Fragen. „Blicke in die Zukunft!“ steht auf dem Heiratsautomaten in Teufelshauch. Für zwanzig Pfennige verspricht er eine Photographie des zukünftigen Ehemanns. Münzen hinein, Hebel ziehen: Das Schicksal wird wie eine Ware ausgegeben.
Ein „Internationales HeirathsVermittlungsBureau“ von 1897 ist im Wien Museum erhalten. Der fast anderthalb Meter hohe Automat aus Holz, Glas, Papier und bemaltem Metall stand zur Unterhaltung im Prater. Für sechs Heller versprach er Damen wie Herren Auskunft über den künftigen Ehepartner samt genauer Beschreibung. Der pompöse Name spielte mit einem zeitgenössischen Geschäft: Um 1900 boten zunehmend kommerzielle Ehevermittlungsinstitute ihre Dienste an. Der Jahrmarkt machte daraus eine mechanische Orakelnummer. [7]
Wer seine Zukunft lieber von einem Menschen erfahren wollte, suchte eine Wahrsagerbude auf. Auf Heinrich Zilles Fotografie drängen sich Kinder und Erwachsene vor einer solchen Bühne.
Foto: Heinrich Zille. Berlinische Galerie, Fotografische Sammlung, Objekt-ID 17445. Digitalisat über das ChronoResearchLab von Matthias Müller-Prove. Gemeinfrei.
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Marschmusik am Sonntag
Zur Neuen Welt gehörten auch die Soldaten aus den umliegenden Kasernen. Auf der Orchesterbühne spielten überwiegend Militärkapellen; spektakuläre Feuerwerke stellten Kriegsszenen nach. Uniformen und militärische Musik waren Teil des Sonntagsvergnügens. Im August 1914 wurde der große Festsaal zum Lazarett. [1]
Quellen und Bildnachweise
Romanbezüge: Sven Lachhein, Teufelshauch, Manuskriptfassung vom 12. Oktober 2026, Kapitel 41: „Die Neue Welt“.
- Mariane Pöschel und Philipp Winkler: Neuköllns Disneyland der Kaiserzeit, 30. Juni 2018. Kooperation mit dem Museum Neukölln und dem Masterstudiengang Public History der Freien Universität Berlin.
- Die Gartenlaube, 1892: Die Drahtseilbahn, S. 609; Illustration von Willy Stöwer, S. 608.
- Eva Kalwa: Spaß im Blut, Der Tagesspiegel, 13. Januar 2009.
- Schaustellerverband Berlin e. V.: Verbands- und Volksfestgeschichte.
- Die Reform. Ein Volksblatt, 33. Jahrgang, Nr. 293, 9. Dezember 1880: „Die Schaustellungen und Sehenswürdigkeiten des Doms“, Abschnitte zu Eppmanns Panoptikum und Prinzlaus mechanischer Ausstellung; Anzeige für Wilh. Prinzlaus Automaten-Ausstellung. Digitalisat der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg; PDF, Blätter 2 und 5 einschließlich bibliothekarischem Vorsatz.
- Hans Ostwald: Das Zillebuch, unter Mitarbeit von Heinrich Zille, Berlin: Paul Franke, 1929, Kapitel „Aus Zilles Kindheit“. Volltext bei Projekt Gutenberg.
- Wien Museum: Spielautomat „Internationales HeirathsVermittlungsBureau“, 1897, Hersteller unbekannt, Inventarnummer 173315.
- Werner von Westhafen: Die alten Kreuzberger Volksfeste – Teil 2: Vom Kreuzberg in die Hasenheide, Kreuzberger Chronik, Nr. 264, November 2024.
- Stadtarchiv Münster: Völkerschauen: Menschen als Ausstellungsobjekte, Reihe „Kolonialspuren in Münster“.
Weiterführende Literatur: Ingrid Heinrich-Jost, Wer will noch mal? Wer hat noch nicht? Aus der Geschichte Berliner Rummelplätze, Berlin: Edition Berlin 750, 1985.
Die vollständigen Bildnachweise stehen unmittelbar unter den Abbildungen. Alle vier Motive sind gemeinfrei. Für die Zille-Fotografien: Digitalisierungsbericht der Berlinischen Galerie von 2016, S. 5. In der Leseansicht der Zille-Aufnahmen ist die Farbtafel am unteren Scanrand ausgeblendet. Ein Klick auf das Bild öffnet das vollständige Digitalisat.